Der Markt & die ‚Wunder‘, die er tut – (k)eine eierlegende Wollmilchsau

Die Befürworter und Apologeten des ‚freien Marktes‘ werden nicht müde, ihn in höchsten Tönen zu preisen: er regle ‚mit unsichtbarer Hand‘ alles zum Besten aller (Adam Smith) und er sein unschlagbar darin, Innovationen hervorzubringen (Friedrich August von Hayek).

Der Markt ist der Ort – real, z.B. auf dem Marktplatz, oder virtuell, z.B. im Internet – wo Angebot und Nachfrage aufeinander treffen. Dadurch bildet sich der Marktpreis. Anbiete agieren gemäß einer Angebotsfunktion, die zu den jeweiligen Preisen die von ihnen angebotenen Mengen angibt. Und die Nachfrager agieren entsprechend nach einer Nachfragefunktion, d.h. sie fragen zu den Preisen eine bestimmte Menge nach. Der Marktpreis ist der Preis, bei dem Angebot und Nachfrage ‚zur Deckung‘ gebracht wird - was so unmittelbar einleuchtend scheint, aber nicht so einfach ist  (s.u.).

Die Nachfrager wollen ihre Bedürfnisse decken; diese reichen von existenziellen Bedürfnissen, z.B. Nahrung, Kleidung, Wohnung, bis zu Luxusanliegen. (Vgl. z.B. die Bedürfnispyramide von Maslow.) Die Anbieter wollen – je nachdem – ihren Lebensunterhalt verdienen, ein Geschäft machen oder sogar den maximalen Gewinn machen, wie es die herrschende Wirtschaftstheorie unterstellt.

Die "unsichtbare Hand des Marktes" ist ein Begriff, der auf Adam Smith zurückgeht, der diesen in seinem bahnbrechenden Werk "Über den Wohlstand der Nationen" 1776 ein einziges Mal verwendet hat, der aber ebenfalls diesen Appeal des unmittelbar Einleuchtenden hat, dass er inflationär verwendet wird, wenn der neoklassische Mainstream dem allgemeinen Publikum die Wirtschaft erklärt.

Der betreffende Absatz (im 4.Buch, 2. Kapitel: Einfuhrbeschränkungen für ausländische Güter, die im Lande selbst hergestellt werden können) lautet: " Nun ist aber das Volkseinkommen eines Landes immer so groß wie der Tauschwert des gesamten Jahresertrags oder, besser, es ist genau dasselbe, nur anders ausgedrückt. Wenn daher jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch diese so lenkt, daß ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten lässt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, daß das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewußt das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. Wenn er es vorzieht, die nationale Wirtschaft anstelle der ausländischen zu unterstützen, denkt er eigentlich nur an die eigene Sicherheit und wenn er dadurch die Erwerbstätigkeit so fördert, daß ihr Ertrag den höchsten Wert erzielen kann, strebt er lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer  unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern , den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat. Auch für das Land selbst ist es keineswegs immer das schlechteste, daß der einzelne ein solches Ziel nicht bewußt anstrebt, ja gerade dadurch, daß er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Wohl der Allgemeinheit, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan. Und tatsächlich ist es lediglich eine Heuchelei, die unter Kaufleuten nicht weit verbreitet ist, und es genügen schon wenige Worte, sie davon abzubringen." (Smith (1974), S.370f)

 

Die unsichtbare Hand des Marktes zeigt sich am deutlichsten (und auch nur da mit den 'wunderbaren' Ergebnissen), wenn sich viele Nachfrager und viele Anbieter gegenüber stehen, von denen keiner Einfluss auf den Preis nehmen kann. Alle Beteiligten sind also Preisnehmer und Mengenanpasser, d.h. ihre einzige Reaktionsmöglichkeit besteht darin, welche Menge sie kaufen bzw. anbieten wollen.

Für diese Situation hat Adam Smith schon damals beobachtet, dass es zum insgesamt optimalen Ergebnis kommt, obwohl alle Beteiligten nur in ihrem Eigeninteresse handeln.

Wenn nämlich ein Anbieter z.B. einen höheren Preis verlangen möchte, finden sich andere Anbieter, die dem Kunden einen besseren Preis machen. Und wenn ein Kaufinteressent weniger bezahlen möchte, sind sofort andere da, die mehr zu zahlen bereit sind.

      (Quelle: Wikipedia - Stichwort "Angebot"]

Die Zahlungsbereitschaft der Haushalte zeigt sich in der Nachfragefunktion.

Diese wird oft graphisch oder mathematisch dargestellt, lässt sich aber auch tabellarisch darstellen  - was bei stückigen Gütern (d.h. solchen, die es nur in ganzzahligen Mengen gibt)  sogar das Nächstliegende ist.

Sie könnte beispielsweise folgendermaßen aussehen (für den Fall eines einzigen Gutes (!), sodass man von den beschriebenen Aggregationsproblemen absehen kann)(Haushalt 1=1 Nachfrager 1: N1, etc., aggregierte Nachfrage Nagg):

 

Preis

Menge

 

 

 

 

 

 

 

N1

N2

N3

N4

N5

...

Nagg

10

1

 

 

 

 

 

1

9

2

1

 

 

 

 

3

8

3

2

 

 

 

 

5

7

4

3

1

 

 

 

8

6

5

4

2

 

 

 

11

5

6

5

3

1

 

 

15

4

7

6

4

2

 

 

19

3

8

7

5

3

1

 

24

2

9

8

6

4

2

 

29

1

10

9

7

5

3

 

34

 

Für das Angebot gilt dies sinngemäß; beispielsweise:

Preis

Menge

 

 

 

 

 

 

 

A1

A2

A3

A4

A5

...

Aagg

10

10

9

7

5

3

 

34

9

9

8

6

4

2

 

29

8

8

7

5

3

1

 

24

7

7

6

4

2

 

 

19

6

6

5

3

1

 

 

15

5

5

4

2

 

 

 

11

4

4

3

1

 

 

 

8

3

3

2

 

 

 

 

5

2

2

1

 

 

 

 

3

1

1

 

 

 

 

 

1

 

Der sich am Markt bildende Preis ist der, bei dem die aggregierte nachgefragten Menge (Nagg) gleich dem bei diesem Preis aggregierte angebotenen Menge (Aagg) ist. Dieser Preis wird als Gleichgewichtspreis bezeichnet, weil in dieser Situation (Nagg = Aagg) keine Veränderungstendenz mehr besteht.

Wie das Beispiel zeigt, ist es bei stückigen Gütern, die ja nicht beliebig teilbar sind, gar nicht selbstverständlich, dass sich dieser Gleichgewichtspreis so ganz einfach ergibt.

  • Hier zeigt sich nur, dass er irgendwo zwischen 5 und 6 liegt. Es ist aber nicht von vornherein klar, dass der Preis ‚weiter teilbar‘ ist, d.h. dass es zwischen den Einheiten von ‚Preis =5‘ und ‚Preis = 6‘ ‚Untereinheiten‘ gibt (wie die 100 Cent, die einen Euro ausmachen). Dies einmal unterstellt, würde der Preis vom Auktionator (s.u.)  B. bei 5,50 ausgeschrieben.
  • Was dann auf der ‚Mengenseite‘ passiert, ist ebenfalls keineswegs eindeutig klar. Denn es müssen sich jetzt alle Nachfrager und Anbieter entscheiden, welche Mengen sie zu diesem Preis kaufen bzw. anbieten würden (was hier nicht trivial ist, weil die Preise ja – nach der Theorie - den Grenznutzen bzw. Grenzkosten entsprechen (müssen) und die Güter nicht teilbar sind).

Und mit Glück ist dann Nagg = Aagg. Sollte dies nicht der Fall sein, muss man mit einem weiteren Preis probieren, etc.  Dies ist im Prinzip das von Léon Walras (1834-1910) beschriebene Tatonnement, d.h. das Herantasten an den Gleichgewichtspreis durch einen (virtuellen) Auktionator (das aber bei Walras augenblicklich - also quasi mit Überlichtgeschwindigkeit - passiert).

 

Was das Beispiel darüber hinaus auch zeigt (und das ist in der Realität viel schwerwiegender):

  • Im Marktgleichgewicht kommen nicht alle Nachfrager (im Beispiel N4 und N5) zum Zug, würden sich also unter Umständen nicht mit einem lebensnotwenigen Gut versorgen können.
    • Die Hungerkatastrophen in der Welt haben damit viel zu tun; eher selten gibt es tatsächlich keine Nahrungsmittel.
  • Ebenso kommen nicht alle Anbieter zum Zug (im Beispiel A4 und A5) - sie scheiden also über kurz oder lang aus dem Markt aus (d.h. ‚machen pleite‘, wenn sie nicht andere Güter anbieten, bei denen es ihnen besser geht).
    • Dies kann im internationalen Handel gravierende Folgen haben, wenn z.B. lokale Agrarerzeuger in Afrika für Hähnchen (vielleicht mit EU-Entwicklungshilfegeldern ‚auf die Beine‘ gestellt) gegen Exporte hiesiger Agrarüberschüsse, z.B. tiefgefrorene Hähnchenreste (vermutlich sogar von der EU subventioniert) nicht konkurrieren können (also durch die EU-Handelspolitik ‚platt gemacht‘ werden).
  • Eine Vollauslastung der Produktionsfaktoren ist nicht gegeben, da:
    • das Angebot nicht komplett abgesetzt werden kann (bzw. die Produktionsfaktoren der Unternehmen A4 und A5 bleiben unbeschäftigt)
    • die Nachfrage nicht komplett untergebracht wird (bzw. die Einkommen von N4 und N5 werden nicht nachfragewirksam),

(Dies wirkt sich natürlich nachteilig auf die Konjunktur aus).

  • Einige Nachfrager kommen günstiger weg als ihrer Zahlungsbereitschaft entsprechen würde (im Beispiel N1, N2, N3) - sie haben also einen zusätzlichen Nutzen, d.h. streichen die sog. Konsumentenrente
    Dies scheint zunächst etwas eher Virtuelles, hat aber doch reale Auswirkungen:
    • Der Konsument behält mehr im Portemonnaie als von ihm zunächst erwartet; er kann sich also an anderer Stelle mehr leisten.
    • Er kann aber auch damit Vermögen aufbauen, was ihm zukünftig weitere Erträge bringt. (Damit wächst die Vermögensungleichheit der Haushalte.)
    • Der Anbieter hat nur etwas davon, wenn er einen anderen als diesen Marktpreis durchsetzen kann. Das gelingt ihm:
      • im Monopol bzw. monopolartigen Situationen wie der monopolistischen Konkurrenz;
      • mit Hilfe von sog. personalisierten Preisen,
        h. auf den einzelnen Nachfrager zugeschnittenen Preisen (die dessen Zahlungsbereitschaft optimal ausnutzen - aber offiziell nur dazu dienen, 'dem Kunden den besten Preis anbieten' zu können;
        damit beschäftigen sich derzeit alle Anbieter (die sich den finanziellen Aufwand leisten können) - die digitalen Preisschilder in den Supermärkten sind dazu ein erster Anfang: mit ihnen lassen sich innerhalb von Sekunden die Preise umstellen, um so wenigstens statistisch auf die Klientel einzugehen, die sich um eine bestimmte Zeit im Laden aufhält. (Was wir an Tankstellen inzwischen ja schon gewohnt sind.)
        • Personalisierte Preise erfordern die Aufhebung der Markttransparenz, dem derzeit noch die Preiskennzeichnungsregeln entgegenstehen, wonach der angezeigte Preis für alle gleichermaßen gilt.
        • Im Online-Handel ist das vermutlich schon nicht mehr so, denn da gibt es oft Situationen, wo sich der Preis von Artikeln im Warenkorb innerhalb kurzer Zeit verändern kann.
        • Außerhalb des Massenmarktes ist die individuelle Preisverhandlung schon seit jeher gang und gäbe. (Egal, ob es sich um den Markt vom Typ 'Basar' handelt, oder das Ringen um die Preise bei 'millionenschweren' Investitionsgütern.)
      • Einige Anbieter streichen einen Zusatzgewinn ein, da sie mehr erhalten als ihren Grenzkosten entspricht (im Beispiel A1, A2, A3) - sie streichen die sog. Produzentenrente
        • Dies ist durchaus etwas sehr Reales, denn wenn sie es nicht als Gewinn ausschütten, sind sie damit in der Lage, ihre Produkte zukünftig noch günstiger anzubieten und für sich mehr Güter umzusetzen
          (womit der konkurrenzfähigste Anbieter (A1) - längerfristig gesehen - alle anderen verdrängen und in eine Monopolposition gelangen könnte).
        • Das Entstehen einer solchen Produzentenrente ist gut verständlich am Beispiel von Ricardos Theorie der Grundrente:
          Die auf den Märkten angebotenen Lebensmittel stammen aus Land von unterschiedlicher Ertragskraft (Bodenqualität) und unterschiedlicher Distanz zum 'Point of Sale', weil die besten Böden in nächster Nähe nicht ausreichen, die erforderlichen Mengen zu erzeugen. Zum Marktpreis kommt also noch Land zum Zug, das in Qualität und Distanz gerade noch konkurrenzfähig ist (sog. Grenzland) - die besseren Lagen tragen eine Produzentenrente.

Die Ausführungen zeigen, dass außer dem ‚Markt‘ noch andere Institutionen für eine gedeihliche Wirtschaft nötig sind. Der Staat ist eine solche Institution, der sich um Gemeinwohl und Gemeingüter sorgt. Mittel zu diesem Zweck ist insbesondere eine entsprechende Rechtsordnung.